Steigende Zinsen – fallende Aktien?

von | Jun 19, 2017 | Wissenschaftlich investieren |

Sollten Zinsänderungen für Aktienanleger ein Grund zur Sorge sein? Die Forschung hat gezeigt, dass Zinsänderungen und Anleihenpreise ebenso wie Aktienpreise kaum vorhersehbar sind. [1]  Daraus folgt, dass eine Investmentstrategie, die versucht, derartige Veränderungen zu nutzen, wahrscheinlich nur wenig Erfolg haben wird. Ungeachtet der Unberechenbarkeit der Zinsänderungen möchten manche Anleger vielleicht dennoch gerne wissen, welche Auswirkungen steigende Zinsen auf ihre Aktien haben könnten.

Anders als Anleihenpreise, die bei steigenden Zinsen in der Regel zurückgehen, können Aktienpreise bei Zinsänderungen sowohl steigen als auch fallen. Diese beiden gegensätzlichen Entwicklungen sind möglich, da der Preis einer Aktie sowohl von den künftigen Zahlungsströmen an Anleger als auch vom Diskontierungssatz abhängt, den diese auf die erwarteten Zahlungsströme anwenden. Wenn Zinsen steigen, könnte ein höherer Diskontierungssatz zur Anwendung kommen, was wiederum zu einem Rückgang des Aktienpreises führt.

„Dem Geld darf man nicht nachlaufen, man muss ihm entgegen gehen.“


Aristoteles

Es ist jedoch ebenfalls möglich, dass sich bei einer Änderung der Zinsen auch die erwarteten künftigen Zahlungsströme aus dem Aktieninvestment ändern. Wenn sich also der Theorie die Gesamtauswirkungen in nicht abschätzen lassen, stellt sich als nächstes die Frage, ob Informationen aus vergangenen Daten gewonnen werden können.

 

JÜNGSTE FORSCHUNGSERGEBNISSE

Die jüngsten Untersuchungen von Dimensional Fund Advisors tragen zur Klärung dieser Frage bei.[1] Dabei wurde die Korrelation zwischen den monatlichen Renditen US-amerikanischer Aktien auf der einen und Zinsänderungen auf der anderen Seite analysiert. Zinsänderungen auf der anderen Seite analysiert.[2] Abbildung 1 zeigt, dass bei Aktienrenditen ein heftiges Auf und Ab ohne klar erkennbares Muster zu beobachten ist. Außerdem ist erkennbar, dass diese Schwankungen offenbar kaum mit den Änderungen des effektiven Leitzinses der US-amerikanischen Notenbank zusammenhängen.[3]  

Die monatlichen Renditen von US-Aktien werden durch die monatliche Rendite des Fama/French Total US Market Index wiedergegeben und werden mit der gleichzeitigen monatlichen Veränderung des effektiven Leitzinses der US-amerikanischen Notenbank verglichen.

Beispielsweise bewegten sich Aktienrenditen in Monaten, in denen der Leitzins stieg, zwischen einem Tiefstand von -15,56% und einem Höchststand von 14,27%. In Monaten, in denen die Leitzinsen zurückgingen, bewegten sich die Renditen hingegen innerhalb einer Bandbreite von -22,41% bis 16,52%. Aufgrund der Tatsache, dass es neben dem US-amerikanischen Leitzins noch viele weitere Zinssätze gibt, untersuchte Wei Dai auch langfristige Zinssätze und gelangte zu vergleichbaren Ergebnissen.

Kommen wir jedoch auf unsere Eingangsfrage zurück, ob steigende Zinsen auch automatisch fallende Aktienkurse bedeuten? Die Antwort lautet „Ja“ - jedoch nur in 40% der Fälle. In den verbleiben 60% der Monate mit steigenden Zinsen waren Aktienrenditen positiv. Eine ähnliche Aufteilung zwischen positiven und negativen Renditen ergab sich auch, wenn nicht nur die Monate mit steigenden, sondern auch jene mit fallenden Zinsen untersucht wurden. Mit anderen Worten gibt es also keinen klaren Zusammenhang zwischen Aktienrenditen und Zinsänderungen.

Fazit:

Es gibt keinen Nachweis dafür, dass Anleger Zinsänderungen zuverlässig vorhersagen können. Doch auch eine verlässliche Vorhersage der künftigen Zinsentwicklungen liefert kaum Anhaltspunkte für die nachfolgende Entwicklung von Aktienrenditen. Vielmehr sollten Anleger langfristig investiert bleiben und sich nicht aufgrund kurzfristiger Vorhersagen zu Änderungen verleiten lassen. Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass sie nachhaltig jene Renditen erfassen, die der Aktienmarkt bietet.

BEGRIFFSVERZEICHNIS

Diskontierungssatz: Wird auch als „erforderliche Rendite“ bezeichnet und ist jene erwartete Rendite, die Anleger für ein Aktieninvestment verlangen.

Korrelation: Eine statistische Messgröße, die angibt, wie stark zwei Variablen im Zusammenhang miteinander stehen oder sich im Einklang bewegen. Die Korrelation ist positiv, wenn sich zwei Variablen tendenziell in die gleiche Richtung bewegen, und negativ, wenn sie sich tendenziell in die entgegengesetzte Richtung bewegen.

INDEXBESCHREIBUNGEN

Fama/French Total US Market Index: Zur Verfügung gestellt von Fama/French auf Basis von CRSP Wertpapierdaten. Beinhaltet alle US-amerikanischen operativen Gesellschaften, die an NYSE, AMEX oder NASDAQ NMS gehandelt werden. Nicht enthalten sind ADRs, Investmentgesellschaften, Geschäftsbereichsaktien, Gesellschaften mit Sitz außerhalb der USA, geschlossene Fonds, Zertifikate, Genussrechtsanteile und Berkshire Hathaway Inc.
(Permco 540 ).

[1] Siehe z. B. Fama 1976, Fama 1984, Fama und Bliss 1987, Campbell und Shiller 1991 oder  Duffee 2002.
[2] Wei Dai, „Interest Rates and Equity Returns“ (Dimensional Fund Advisors, April 2017).
[3] Der US-Aktienmarkt wird durch den Fama/French Total US Market Index wiedergegeben.
[4] Der Leitzins der US-amerikanischen Notenbank ist der Zinssatz für Tagesgeld zwischen Finanzinstituten für Gelder aus Kassenbeständen der US-amerikanischen Notenbank.

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